Social Engagements

Ein Stück Deutsch-deutsche Marketing-Geschichte...

Es gibt Projekte, an die sind so einzigartig und emotional, dass man sich auch nach Jahrzehnten immer wieder sehr gerne daran erinnert. Das 1. Marketingsymposium Frankfurt-Leipzig von Studenten für Studenten ist ein solches. Es war Ende 1989, kurz nach dem 9. November. Die Mauer war gerade gefallen und die Menschen träumten von der Wieder-Vereinigung. Ich lag in meinem "creative-Pool" in meiner damaligen Studenten-Bude in Oberursel im Taunus und dort entwickelte ich eine erste, spontane grobe Idee einer großen Marketing-Veranstaltung für unsere "Kommilitonen" in der DDR zu organisieren und durchzuführen. Am nächsten Tag erzählte ich meinen damaligen Kommilitonen Philipp Werner davon. Nachdem auch er spontan von dieser Idee begeistert war, beschlossen wir gemeinsam mit dieser Idee zu dem damaligen Lehrbeauftragten für die praktischen Übungen zum Marketing Joachim Kellner (heute Professor für Marketing in Hamburg) zu gehen, um ihn einzuladen mitzumachen.

Von der Idee dies zu einer MTP-Veranstaltung zu machen riet er uns aus pragmatischen, umsetzungstechnischen Gründen ab (MTP war schon damals eine sehr große, teilweise auch schon etwas schwerfällige Organisation, sodass das gebotene Tempo bei der Vorbereitung wohl nicht realisiert werden könnte. So schlug er vor, eine derartige Veranstaltung unter einem eigenen Label zu entwickeln. Dass Joachim Kellner ein erfolgreicher, sehr erfahrener Unternehmensberater mit glänzenden Kontakten war, sollte sich für dieses Projekt als ein Glücksfall erweisen. Dank seiner Kompetenz und Erfahrung, die er uns "Greenhorns" voraus hatte, bildeten wir gemeinsam mit ihm die geschäftsführende Projektleitung und machten uns gemeinsam an die Arbeit. Oft trafen wir uns bei Joachim Kellner zu Hause und arbeiteten gemeinsam an einem Konzept. Als Partner-Universität hatten wir uns auf Leipzig verständigt, wo neben der Karl-Marx-Universität auch die älteste deutsche Handelshochschule beheimatet war. Weil wir zur Planung und Umsetzung Ansprechpartner vor Ort dringend benötigten, entschieden wir uns relativ kurzfristig nach Leipzig zu fahren und dort die für unser Vorhaben relevanten Personen, also Professoren der beiden Hochschulen in Leipzig zu ermitteln und unser Projekt vorzustellen. Nachdem wir eine wirklich abenteuerliche Fahrt auf den damals noch mit Schlaglöchern übersäten DDR-Autobahnen und damals noch im Dienst stehende DDR-Grenz-Soldaten hinter uns hatten, erreichten wir endlich bei tiefster Dunkelheit den Stadtrand von Leipzig, wo wir bei der Familie Lemnitz Unterkunft erhielten. Gleich am nächsten Morgen ging's zur Karl-Marx-Uni. Wir waren von der Offenheit und Freundlichkeit der Leipziger Professoren förmlich überrascht. Schnell und verblüffend unkompliziert fanden wir in den relevanten Professoren tatkräftige Unterstützer.

Poster des Marketing-Symposium Frankfurt/Leipzig 1990
Poster des Marketing-Symposium Frankfurt/Leipzig 1990
Poster des Marketing-Symposium Frankfurt/Leipzig 1990
Poster des Marketing-Symposium Frankfurt/Leipzig 1990
Poster des Marketing-Symposium Frankfurt/Leipzig 1990

Die Motive der vier Werbeplakate zu dem bereits im Vorfeld von der Presse stark beachteten 1. deutsch-deutschen Marketing-Symposium

Spätestens jetzt wussten wir, dass unser Projekt sehr erfolgreich werden wird. Zurück in Frankfurt machte Joachim ein Termin für uns alle bei der Frankfurter Werbeagentur Michael Conrad & Leo Burnett, deren Managing Director er einst war. Nach einem kurzen, präzisen Briefing entwickelten sie für das Symposium ein Logo (hier Wort-Bild-Marke) und ein Corporate Design, das dann Basis für eine Printkampagne wurde. Nach der Ausarbeitung eines inhaltlichen Konzeptes (Lehrveranstaltungen) für diese Veranstaltung machten wir uns sehr erfolgreich auf die Suche nach spendenfreudigen Sponsoren, und die Tatsache, dass der "Hochadel" des deutschen Marketings, neben Politik und Wissenschaft von unserem Vorhaben begeistert war, machte das Überzeugen der Marketing-Abteilungen problemlos. Schnell hatten wir ausreichend Sponsorengelder von Top-Markenartiklern zusammen, so dass wir zu unserer ersten Presse-Konferenz, die auch sehr gut besucht war, nach Leipzig laden konnten. So war es auch nicht verwunderlich, dass im Vorfeld unseres Symposiums in vielen Medien (überwiegend Presse, aber auch Radio und TV) darüber berichtet wurde. Ein Teil davon haben wir in unserem Programmheft dokumentiert. Weil dieses Programmheft bereits zu Beginn dieser Veranstaltung ausgegeben haben, liegt es in der Natur der Sache, dass wir dort nur das Presse-Echo vom Vorfeld dieser Veranstaltung dokumentieren konnten. Im Trubel der Veranstaltung hatten wir es dann nicht geschafft, die Medien-Landschaft nach Berichten zu screenen, um diese dann zu dokumentieren.

Dann ging es endlich los: Zuvor hatten wir noch unsere gestiftete Marketing-Bibliothek feierlich eröffnet und den Leipziger Professoren die Unterlagen zu den Praktikumsplätzen, die wir bei westdeutschen Markenartiklern akquiriert hatten, übergeben. Bereits dort gingen unsere Programmhefte weg wie warme Semmeln; sie wurden uns förmlich aus den Händen gerissen...! Rührend war auch die Reaktion auf die Bekanntgabe, dass der damalige Computer-Hersteller Commodore, bei dem ich wenige Monate später, nach bestandenen Diplom-Examen meine postuniversitäre Karriere als Direktionsassistent startete, die beiden Leipziger Hochschulen kostenfrei mit Computer ausstatten wird: Die Professoren Dr. Henschel und Dr. Scholz hatten fast schon vor ungläubiger Freude Tränen in den Augen , umarmten und rückten der Reihe nach an sich - da musste ich auch selbst erst mal schlucken und tief durchatmen.

Von dem Ansturm der Studenten waren wir geradezu überwältigt. Die Hörsäle waren total überfüllt, auf den Tischen saßen und standen nicht nur die Studenten, sondern auch etliche weiterbildungswillige ältere, erfahrenere "Semester" aus der DDR, die sich vermutlich so für Ihren Job fit machen wollten.

Gemeinsam mit Dr. Scholz hielt ich einen Vortrag über "Marketing im Unternehmen". Ich übernahm die erste Hälfte dieser Vorlesung. Und ich muss schon sagen, vor dieser Menschenmenge war ich förmlich beeindruckt, -um nicht zu sagen, fast verängstigt- so bedrückend eng war es in diesem total überfüllten Hörsaal! Wenige Meter von mir entfernt saßen die Menschen auf dem Boden und auch auf den restlichen Stehplätzen herrschte großes Gedränge. Bestimmt waren es mehrere Hundert, wenn nicht sogar mindestens 1.000 Zuhörer...

Als wir wenige Tage später mit der Lufthansa, die unsererer gesamten Mannschaft Freiflüge spendierte, nach Hause flogen, waren wir total geschafft, den Kopf voll mit sehr emotionalen, einzigartigen Erlebnissen, die ich wohl nie vergessen werde. Und weil dieses nicht-kommerzielle Social-Marketing-Projekt wohl das Schönste war, was ich in meiner krankheitsbedingt viel zu kurzen Karriere realisieren konnte, werde ich vermutlich noch meinen Enkeln von diesem wahrhaft historischem Projekt erzählen. Und: Dieses Projekt wird noch als Referenzprojekt für andere Social-Marketing-Projekte, die ich noch vorhabe, noch auf Jahre hinaus fungieren. Und allein für diesen Zweck ist es wahrlich überzeugend genug...